
Lucia ist seit vielen Jahren in der evangelischen Jugend in Michelau aktiv und war von 2020 bis 2026 die jüngste Delegierte in der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Nun beginnt für sie die zweite Amtszeit – Anlass für ein Gespräch.
Frage: Wie erklärst du eigentlich Freundinnen, dass du nicht nur Vollzeit arbeitest, sondern auch noch in der Landessynode sitzt?
Lucia: Das ist eine lustige und gar nicht so einfache Einstiegsfrage. Es kommt immer darauf an, wie viel die andere Person schon mit Kirche zu tun hat. Manchen muss ich erst einmal erklären, was die Landessynode überhaupt ist, andere haben schon ein bisschen Einblick hinter die Kulissen.
Oft erzähle ich dann, dass ich in meinem einen Leben in der Beratung arbeite – und in meinem anderen Leben ehrenamtlich in der Kirche unterwegs bin, vor allem in der Synode. Ich verkaufe es manchmal ein bisschen so: „Ich fahre ab und zu noch für ein paar Tage auf Tagungen oder Konferenzen der Kirche.“ Eigentlich ist es mehr als nur ein Hobby, weil es schon Arbeit ist und ein richtiges Amt – aber ich mache es sehr gern.
Frage: Was bedeutet es für dich, als junge Erwachsene eine Stimme in der Landessynode zu haben?
Lucia: Für mich bedeutet das, meine Perspektive einbringen zu können – als Ergänzung zu all den anderen, die in der Synode sitzen. Jede und jeder bringt den eigenen Hintergrund mit, Dinge, die prägen, und natürlich gehört auch das Alter dazu.
Mir ist wichtig, dass dieses bunte Bild von Kirche möglichst vollständig wird: unterschiedliche Altersgruppen, Lebensphasen, Erfahrungen. Je nachdem, wo man im Leben steht, beschäftigt einen etwas anderes – genau das soll in der Synode auch vorkommen.
Frage: Gibt es Momente aus deiner Synodenarbeit, die dich besonders berührt oder beeindruckt haben?
Lucia: Ja, da denke ich besonders an einen Moment zurück. In der Landessynode haben wir das Format der „Aktuellen Stunde“. Da nehmen wir uns in einer Tagung eine Stunde Zeit für ein Thema, das gerade dringend ist und uns bewegt – etwas, das man nicht lange planen kann, sondern das sich vor Ort ergibt.
In der Frühjahrssynode 2022, kurz nach dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine, haben wir uns mit dieser Situation beschäftigt. Wir hatten den Bischof der Deutsch-Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine live zugeschaltet. Er hat erzählt, wie die kleine Kirche dort einen Monat nach dem Überfall durch Russland für die Menschen da ist, wie sie im Land unterwegs sind, helfen, Hilfsgüter bringen und Menschen auf der Flucht unterstützen.
Wir konnten Rückfragen stellen, die aktuelle Lage besser verstehen und sind dann gemeinsam ins Gebet gegangen. Das war sehr bewegend und beeindruckend – auch zu erleben, wie Grenzen dank der heutigen Technik überwunden werden können und wie ernsthaft wir uns dafür Zeit nehmen. Danach wirkten manche eigenen Probleme plötzlich viel kleiner.
Frage: Wie läuft eine Synodenwoche aus deiner Sicht ab – eher Sitzungsmarathon oder auch Gemeinschaft?
Lucia: Es ist auf jeden Fall beides. Tagsüber ist es tatsächlich ein guter Sitzungsmarathon, oft auch bis spät in die Nacht. Wir wechseln zwischen Plenum, wo alle 108 Synodalen zusammenkommen, und den Ausschüssen, in denen wir fachlich arbeiten. Abends gibt es oft noch Arbeitskreise für den eher informellen Austausch.
Dazwischen stehen Pausen, Essenszeiten und die Abende, an denen man noch zusammensitzt, diskutiert, lacht. Und ganz wichtig: Wir feiern morgens und abends Andachten und zu Beginn der Synode einen gemeinsamen Gottesdienst. Das macht etwas mit uns: Für ein paar Tage sind wir eine „Gemeinde auf Zeit“, die gemeinsam unterwegs ist. Ich würde sagen: Es ist ein Marathon – aber einer, den man zusammen läuft.
Frage: Welche Themen haben dich in den letzten sechs Jahren besonders beschäftigt?
Lucia: Da gibt es natürlich die großen Klassiker: Landesstellenplanung, sinkende Kirchenmitgliederzahlen, zurückgehende Finanzen – und die Frage, wie wir mit diesem Veränderungsdruck umgehen. Es geht immer wieder darum, den Rahmen für die nächsten fünf bis fünfzehn Jahre zu setzen: Wie soll Kirche in dieser Zeit aussehen?
Ein großer Teil meiner Arbeit war auch im Rechnungsprüfungsausschuss. Dort prüfen wir gemeinsam mit dem Rechnungsprüfungsamt, ob mit den anvertrauten Mitteln verantwortlich, wirtschaftlich und transparent umgegangen wird – also ob der Haushalt eingehalten wurde, ob es Auffälligkeiten gibt oder Probleme, zum Beispiel bei Vergaben oder Verträgen.
Daneben war ich im Bereich Ökumene, Mission und Dialog engagiert und im Fachausschuss Afrika von Mission EineWelt. Das hilft mir, den Blick über den bayerischen Tellerrand hinauszuweiten. Unsere Partnerkirchen weltweit, etwa in Afrika, zeigen uns, dass Kirche auch dort wächst und Menschen mit großer Freude ihren Glauben leben – das relativiert manche unserer Sorgen und ermutigt zugleich.
Frage: Wie gelingt dir die Balance zwischen Vollzeit-Job, Ehrenamt, Synodenarbeit und Privatleben?
Lucia: Mal besser, mal schlechter. Ohne gut geführten Kalender geht gar nichts – ich brauche einen guten Überblick, was wann ansteht. Dann ist es wichtig, Prioritäten zu setzen: In der Synode könnte man sich in noch viel mehr Themen und Gremien wählen lassen oder auf unzählige Einladungen reagieren.
Da muss ich ehrlich entscheiden, wo ich mich einbringen kann und wo ich „Nein“ sagen muss, weil es sonst nicht mehr leistbar ist. Und ein unterstützendes Umfeld ist Gold wert – eine Familie und Menschen, die das mittragen, helfen sehr, diese Balance zu halten.
Frage: Hast du einen Bibelspruch, der dich durch die erste Amtszeit begleitet hat?
Lucia: Ja, den habe ich sogar in meinem WhatsApp-Status stehen – seit Jahren unverändert. Es ist Jeremia 1,7: „Sage nicht: Ich bin zu jung, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.“
Ich finde daran schön, dass Gott sagt: Es ist egal, wie alt du bist – auch wenn du selbst oder andere denken, du seist zu jung. Entscheidend ist, dass Gott etwas mit dir vorhat und dir einen Auftrag gibt. Das hat mich sehr ermutigt, meinen Platz in der Synode anzunehmen und diesen Weg zu gehen.
Frage: Du bist seit deiner Konfirmation – eigentlich sogar schon davor – in der evangelischen Jugend in Michelau aktiv. Was hat dich all die Jahre dabeigehalten?
Lucia: Vor allem die Menschen. Man ist mit verschiedenen Generationen unterwegs, wächst miteinander auf, geht gemeinsam durchs Leben und nimmt Anteil aneinander. Das erlebe ich nicht nur in der Jugend, sondern an vielen Stellen in der Gemeinde – ob bei Freizeiten, Aktionen oder Gottesdiensten.
Der Glaube verbindet – auch dann, wenn man mal 300 Kilometer entfernt wohnt. Es gibt immer wieder Neues, das man ausprobieren und anders gestalten kann. Deshalb wird es nie langweilig, sondern bleibt abwechslungsreich und lebendig.
Frage: Wann fühlst du dich deiner Kirche am stärksten verbunden?
Lucia: Ganz stark tatsächlich im gemeinsamen Gottesdienst. Es ist fast egal, wo ich bin – in Michelau, in Augsburg, in Frankfurt, bei einer Tagung oder in Tansania. Überall, wo Menschen gemeinsam ihren Glauben leben und Gottesdienst feiern, spüre ich: Das ist Kirche.
Auch große Veranstaltungen wie der Kirchentag gehören dazu. Da wird erlebbar, dass Menschen an vielen Orten zusammenkommen und die Kirche Jesu Christi bilden. In diesen Momenten fühle ich mich meiner Kirche besonders verbunden.
Frage: Was nimmst du aus der Synode mit zurück in deine Heimatgemeinde?
Lucia: Auf jeden Fall viel Input: Ideen, wie es in anderen Gemeinden und in der Landeskirche insgesamt weitergeht, und den Blick über die eigenen Gemeindegrenzen hinaus. Ich bringe auch ganz konkret neue Gedanken, Lieder und Eindrücke mit.
Und ich nehme Antworten auf Fragen mit, die mir Menschen aus der Gemeinde im Vorfeld mitgegeben haben. Es ist schön, wenn ich zurückkommen und sagen kann: „Ich habe nachgefragt, das wurde diskutiert, so sieht es im Moment aus.“
Frage: Was würdest du sagen: Warum lohnt es sich heute noch, Kirche aktiv mitzugestalten?
Lucia: Ich würde sagen: Es hat sich noch nie mehr gelohnt als jetzt. Wir leben in einer Zeit großer Umbrüche. Gerade dadurch entstehen viele Lücken und offene Räume – Orte, an denen neu gedacht werden muss und an denen Menschen mit ihren Ideen und Fragen gefragt sind.
Ich erlebe viele offene Ohren für Themen, die Menschen bewegen. Jetzt ist die Chance zu sagen: „Das möchte ich in unserer Kirche neu einbringen“ – oder: „Dafür möchte ich mich einsetzen, damit es erhalten bleibt.“ Engagement ist nötiger denn je – und es ist Platz da für alle, die sich einbringen möchten.
Frage: Was darf für dich in unserer Kirche auf keinen Fall verloren gehen?
Lucia: Der Glaube an Gott – und die Zuversicht, dass dieser Glaube am Ende trägt. Dazu gehört der Mut und der Einsatz, diesen Glauben auch weiterzugeben.
Frage: Wenn du an Menschen denkst, die Kirche neu oder wieder entdecken – was wünschst du dir, wie sie Kirche erleben können?
Lucia: Ich wünsche mir, dass sie Kirche als einen Ort erleben, an dem ihnen Vertrauen und Zuspruch entgegengebracht wird. Einen Raum, in dem sie sich entfalten dürfen, einfach da sein können – und Gott finden.
Und ich hoffe, dass sie dort auch ein Stück sich selbst entdecken: dass sie merken, hier ist Platz für meine Fragen, meine Begabungen und meine Geschichte.
Vielen Dank, Lucia, für das Gespräch und dein Engagement.
